Warum ich OneNote für eines der besten Tools für den Einsatz im Unterricht halte und warum ich es trotzdem nicht mehr benutze
In diesem kurzen Text soll es um eine weitreichende Entscheidung gehen, die ich kürzlich für die Gestaltung meines Unterrichts getroffen haben - die Abkehr von Microsoft OneNote. Damit will ich weder die Qualitäten der Software in Abrede stellen (ganz im Gegenteil) noch die Entscheidung von Kolleg:innen für den Einsatz dieser Software anzweifeln. Aber worüber reden wir hier überhaupt?
Microsoft OneNote ist nicht nur eine Software zur Erfassung von Notizen und gehört zum seit Jahrzehnten bekannten Office-Paket aus dem Hause Microsoft, OneNote hat seit einigen Jahren auch eine steile Karriere als Software für den Bildungsbereich hingelegt. Spätestens mit der Einführung der "Klassennotizbuch"-Funktion hat Microsoft seinen Notizblock für die Arbeit im Klassenraum (und im Distanzunterricht) empfohlen. Die Software eignet sich sowohl für Tafelbilder, zum Mitschreiben, für das Bereitstellen von Arbeitsblättern im Unterricht, zum Zusammenarbeiten und gemeinschaftlichen Präsentieren von Lösungen. Die Inhaltsgestaltung ist dabei vielfältig möglich: Neben geschriebenem (und formatiertem) Text können Zeichnungen, Bilder, Audiodateien, aber auch Videos, ganze Dokumente und Tabellen mühe- und nahtlos miteinander kombiniert auf beliebig und potentiell unendlich großen Notizseiten kombiniert und angeordnet werden. Darüber hinaus erlaubt die Software es, Inhalte zu vernetzen (Seiten können z. B. untereinander verlinkt werden, externe Inhalte, z. B. Webseiten, können in den Notizen referenziert und aufgerufen werden) und so in Beziehungen darzustellen (ganz im Sinne der vielzitierten Hypertextualität postmoderner Informationsorganisationsparadigmen). Das klingt kompliziert, ist es im praktischen Einsatz aber ebensowenig wie die Einrichtung der Software - dank der nahtlosen Integration mit der hauseigenen Daten-Cloud OneDrive stehen die OneNote-Notizbücher überall zur Verfügung, werden gesichert und die Zusammenarbeit mit Schüler:innen ist ebenso einfach, wenn diese auf freigegebene Inhalte oder ihre eigenen Abschnitte in den Klassennotizbüchern zugreifen, um mit Arbeitsbögen zu arbeiten, eigene Inhalte erstellen oder Tafelbilder rekapitulieren und sich Notizen dazu machen - im besten Fall auf dem Tablet oder Convertible mit integriertem Stift.
OneNote hat in diesem Sinne einen Plattformcharakter: Die Software ist eine All-in-One-Lösung für Tafelbilder, Arbeitsblätter, verschiedene Medieninhalte und erlaubt darüber hinaus auch das Begutachten von Schülerarbeiten und die Rückmeldung von Leistungsbeurteilungen an die Schüler:innen. Kurz: Ich muss dieses System nicht verlassen, um meinen Unterricht vorzubereiten, durchzuführen und nachzubereiten - und die Schüler:innen müssen dies auch nicht. Für (fast) jeden Anwendungsfall gibt es eine Funktion, die OneNote anbietet und die die gemeinsame Arbeit effizient und angenehm macht. Und trotz all dieser wunderbaren Möglichkeiten und vernetzen Funktionen möchte ich OneNote zunehmend weniger bis gar nicht mehr im Unterricht einsetzen - und das aus didaktischen und methodischen Gründen und nur ganz am Rande, wenn überhaupt, aus Gründen des Datenschutzes!
Zusammenfassung: Warum ist OneNote so gut geeignet für den Unterricht?
- einfach einzurichten (Installieren, Kursnotizbuch anlegen, Schüler:innen hinzufügen - fertig)
- Vernetzung von Inhalten (Links zwischen Seiten, Verlinkung auf externe Inhalte usw.)
- gute Inhaltsgestaltung - Kombination verschiedener Medialitäten (Zeichnung, Text, Tabellen, Bilder, Video, Audio, Dokumente ...)
- Einfache Strukturierung (Notizbücher - Abschnitte - Notizseiten - Unterseiten ...)
- All-in-one Lösung für Arbeitsblätter, Tafelbilder usw. - Plattformcharakter
Warum benutze ich OneNote dennoch (fast) nicht mehr?
Wenn OneNote so großartig für die Arbeit in der Schule ist - wieso benutze ich es dann nicht mehr bzw. habe ich begonnen, mich davon zu lösen? Um das zu erklären, muss ich zunächst einige Rahmenbedingungen meiner Arbeit erläutern und einige didaktische wie fachliche Voraussetzungen klären.
Zunächst war der Anstoß für mein Umdenken, dass wir einen "bring your own device"-Ansatz (BYOD) fahren. Die Schüler:innen bringen ihre eigenen Geräte mit in den Unterricht bzw. nutzen diese Zuhause - und unsere Infrastruktur muss daher eine gewisse Offenheit für verschiedene Geräteklassen, Betriebssysteme, Bildschirmgrößen, Eingabegeräte usw. aufweisen. Dazu gehört es zum Beispiel, dass unsere digitalen Tafelsysteme kabellos (per WLAN) von Windows- und Android-Geräten angesteuert werden können und per Kabelverbindung auch von iOS-Geräten, für die wir z. B. Adapter zur Verfügung stellen. Aber auch unsere Kommunikationsplattform wurde u. a. danach ausgewählt, dass sie Clients für alle gängigen Betriebssysteme und zusätzlich eine WebApp mitbringt, sodass sie auf den verschiedenen Geräten und Geräteklassen problemlos eingesetzt werden kann. Obgleich ein BYOD-Ansatz aus IT-Sicht zunächst einfacher und wesentlich kostengünstiger umzusetzen ist als die Ausstattung der Schüler:innen mit standardisierten Geräten, erfordert es eine gute Planung der Infrastruktur, um die notwendige Offenheit sicherzustellen.
Doch nicht nur die Infrastruktur muss anschlussfähig für verschiedene Technologien sein - auch die Schüler:innen selbst entwickeln nun auch im digitalen Bereich eigene Lernkontexte. Was meine ich aber mit einem Lernkontext? Neben den üblichen Dimensionen planhafter Unterrichtsgestaltung sind Lernprozesse höchst individuell und das eben auch auf technologischer, materialer und struktureller Ebene. Als Lernkontext verstehe ich entsprechend - sehr breit gefasst - all jene Bedingungen, Strukturen, Materialien und (Meta-)Konzepte, innerhalb deren oder mit denen Schüler:innen sich in ihrem Lernprozess situieren. Beispiele sind sowohl die gewählten Lernorte (der Schreibtisch zuhause, der Sitz im Bus ...) als auch die eingesetzten Geräte, die jeweils ausgewählte Software, die Art, wie Notizen angefertig werden (visuell unterstützt, nüchtern in Textform, als Audioaufzeicnung ...) und - abstrakter - die Haltung, die ein:e Schüler:in dem Lerngegenstand gegenüber einnimmt. Besonders interessant für meine Argumentation sind hier natürlich diejenigen Teile des Lernkontextes, die auf die eingesetzten Geräte und Applikationen fokussieren.
Wenn Schüler:innen am Unterricht teilnehmen, Hausaufgaben bearbeiten, Referate anfertigen, Präsentationen vorbereiten, Projekte planen und umsetzen usw., dann arbeiten sie implizit auch an der Gestaltung ihres je individuellen Lernkontextes mit - und stellen sich damit auf für Prozesse des lebenslangen Lernens.
Neben den Rahmenbedingungen kommen immer auch individuelle Vorlieben, präferierte Arbeitsmaterialen usw. zum Tragen. Insbesondere die zunehmend von Schüler:innen favorisierte Arbeit mit digitalen Endgeräten erlaubt - fordert aber auch - eine große Vielfalt an Verarbeitungsweisen. Arbeite ich dem iPad, schreibe ich vielleicht eher mit dem Stift, während andere am Laptop eher tippen; habe ich ein Android-Tablet steht mir eine andere Software zur Verfügung als denjenigen, die mit iOS-Geräten arbeiten. All das sind implizite und expizite Entscheidungen, die den Lernkontext mit prägen - und für die ich als Lehrperson auch technologisch anschlussfähige Angebote machen sollte.
OneNote könnte hier eine Lösung sein: Die Software steht ebenfalls für alle Plattformen zur Verfügung, bietet eine gut funktionierende WebApp und synchronisiert die Inhalte problemlos zwischen allen Geräten. Dieser Gedanke greift aber etwas kurz: Die große Stärke der Software - OneNote als Plattform für alles - ist gleichzeitig ihre große Schwäche: Man bindet sich und die Schüler:innen in einen vorgegebenen Rahmen ein, für den es zwar ein Außen gibt (so kann ich auf Websites verlinken, PDFs und andere Dokumenttypen integrieren usw.), der aber gewisse Aspekte zu kurz kommen lässt, die zur lateralen Kompetenzentwicklung in Lernprozessen gehören und die mit der eigentätigen Gestaltung des Lernkontextes zu tun haben: Die Reflexion des eigenen Lernprozesses auf struktureller Ebene, ggf. Kreativität und kritisches Denken in der Gestaltung von Lernprodukten und ganz besonders die (Weiter-)Entwicklung der eigenen Lernumgebung. Hier lässt sich auch digitale Souveränität auf individueller Ebene nicht nur einüben sondern auch in Aktion beobachten: Daten (die von mir als Lehrperson zu Informationen zusammengestellt und von den Schüler:innen genutzt werden, um sich Wissen zu erarbeiten) werden zu Elementen eines Lernprozesses, in dem sie die übernommen, verändert, reporduziert, umstrukturiert, gemixt und generell verarbeitet werden (wie übrigens schon immer, wenn wir Lernen konstruktivistisch betrachtet haben - jetzt allerdings auf der Ebene des Materialen und der digitalen Daten). Diese multivalente Eigenschaft von Daten erfordert aber, dass sie zugänglich bleiben für verschiedene Zugriffsweisen und Perspektivierungen - für ein souveränes, individuellen Lernprozessen angepasstes Handeln mit und auf diesen Daten. Daher sind "offene" Standards wichtig (offen bedeutet hier aber etwas anderes als im IT-Diskurs - sie können, müssen aber nicht zwangsläufig im Sinn von open source offen sein ("free as in speech"), sondern nur Zugänglichkeit aus verschiedenen Kontexten, Arbeitsweisen, Protokollen, Apps usw. erlauben).
Hinzu kommt, dass Schüler:innen zunehmend solchermaßen "offene" Standards einfordern - viele Schüler:innen gaben mir in Umfragen (die aber natürlich nicht repräsentativ sind) die Rückmeldung, dass sie lieber PDF-Dokumente, Bilddateien oder einfache Texte, aber keine OneNote-Seiten, keine Word-Dateien o.ä. als Arbeitsbögen, Tafelbilder und Lernmaterial bekommen möchten.
Daher habe ich mich entschieden, einen anderen Ansatz für die von mir digital bereitgestellten Lernmaterialen zu wählen: Ich verwende einen verlässlichen Kanon an Werkzeugen, deren Output ich als verarbeitbare Daten bereitstelle. Tafelbilder erstelle ich mit Excalidraw und exportiere sie als Bilddateien - die die Schüler:innen sich dann in Ihre jeweilige Notizsoftware (GoodNotes & Samsung Notes werden derzeit oft verwendet; morgen können es schon wieder andere präferierte Apps sein) importieren und dort bearbeiten können. Arbeitsblätter stelle ich als PDF-Dateien oder - je nach Kontext - als Markdown- oder HTML-Dokumente zur Verfügung. Beides verteile ich über unsere Kommunikationssoftware, aus der die Schüler:innen diese Daten dann abspeichern und in ihre Apps importieren können (beide Tätigkeiten dienen übrigens ebenfalls der Kompetenzförderung im Sinne des KMK-Papers "Bildung in der digitalen Welt").
Hier spielt auch ein letzter Punkt eine Rolle: "Zweckentfremdung" als Ziel der Kompetenzentwicklung. So ist es sinnvoll, Werkzeuge auch auf ungewöhnliche, nicht intendierte Weisen zu verwenden, um ihre Potentiale erkennen und ausschlöpfen zu können - zudem geht es dabei natürlich auch wieder um die Dimensionen Kreativität und kritisches Denken. So haben findige Schüler:innen die Funktion der Textabgabe in Moodle (das ich derzeit lediglich für Einsendeaufgaben und die Bereitstellung von Selbstlernmaterial nutze) "erweitert", indem sie einen Weg fanden, ihre digital-handschriftlichen Notizen zu einer Hausaufgabe abzugeben. Das zwang mich dazu, ebenfalls kreativ zu werden und die abgegebenen Texte einer Texterkennung zu unterziehen, bevor ich sie mit den von mir präferierten Werkzeugen korrigieren und annotieren und den Schüler:innen dann als Feedback zukommen lassen konnte.
Einen Punkt habe ich hier bisher bewusst komplett unerwähnt gelassen - die Frage des (Schul-)Datenschutzes und der Konformität zu den Standards der DSGVO. Dieses Feld ist weit, rechtlich komplex und derzeit aus meiner Sicht ein Kampffeld verschiedener Rechtsauslegungen, das keine eindeutigen Schlüsse zulässt. Eine abschließende Klärung steht hier, Stand heute (2023-05-16) noch aus.
Und auch so einige inhaltliche Fragen bleiben noch offen - z. B. die Frage, wie ich die Strukturierungsmöglichkeiten von OneNote für mich (und meine Schüler:innen) ersetze. Oder die, wie die Inhaltsgestaltung auch ohne OneNote multimedial bzw. medienkonvergent erfolgen kann. Dazu werde ich in einem zweiten Text (Mein Setup für den Unterricht - für offene Standards und kompetenzorientierte Lehre) etwas schreiben und dabei auch auf weitere praktische Fragen eingehen.
Fazit:
OneNote bietet als Plattform für das kollaborative digitale Arbeiten viele Potentiale und stellt einen stabilen Rahmen für das Unterrichtsgeschehen und die hybride Arbeit bereit. Da Schüler:innen allerdings ohnehin schon mit eigenen Geräten und eigener Software arbeiten, kommt es zu einer eigenständigen Gestaltung des Lernkontextes im Bereich der Verarbeitung von Daten/Materialien - was ich, auch mit Blick auf Medienkompetenz und das Einüben digital souveräner Handlungsweisen, fördern möchte. Aus diesem Grund arbeite ich nicht mit einer (mehr oder minder) geschlossenen Lernplattform, sondern stelle meinen Schüler:innen Materialien nach "offenen" Datenstandards für die Weiterverarbeitung im Lernprozess zur Verfügung.